Kirchengemeinde Dedensen

Text zur ev-luth. Kirche in Dedensen

Im Volksmund wird sie "Hase-Kirche" genannt, denn sie ist der letzte Kirchenbau des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr bekannten hannoverschen Baumeisters C.W. Hase. Sie ist vom Altar bis zur Empore, vom Turm bis zum Chorraum von ihm entworfen. Die verwendeten Materialien sind Backstein und Holz. Sie hat eine warme, einladende Atmosphäre. In den letzten Jahren haben wir sehr viel dafür getan, sie so wieder herzurichten, wie sie ursprünglich gestaltet war. 1998 haben wir das 100. Jubiläum ihrer Einweihung gefeiert. Das ganze Dorf war an dem großen Fest beteiligt. Auch unsere Gemeinde hat sich dargestellt. Sie ist ja viel älter als die Kirche ...

Seit 1604 gibt es eine Pfarrstelle in Dedensen. Ihr erster Pastor W. Moldenhauer, wurde 1578 in Neustadt a. Rbge. geboren und 1621 bei Almhorst ermordet. Doch die Pfarrstelle ist niemals über längere Zeit vakant geblieben. Dedensen bekam etwa im 12. Jahrhundert seine erste eigene Kirche. Sie stand auf dem alten Friedhofsgelände gegenüber dem Pfarrhaus. Diese Kirche war eine sogenannte "filia", d.h. Tochter der Kirche von Groß Munzel. Erst 1604 ist die Gemeinde Dedensen in der Lage, einen eigenen Pastor zu bestallen, das bedeutet, dass die Gemeinde nun für das Gehalt eines Pastors selbst aufkommen kann.

1892 wurde diese häufig umgebaute und renovierte Kirche als so baufällig eingestuft, dass eine Instandsetzung nicht mehr in Frage kam. Konsistorialrat Hase, ein weitbekannter Mann in Sachen Kirchenneubau, stellte die Baufälligkeit der alten Kirche fest und entwarf Pläne für eine neue Kirche. Hases Architektur traf damals den Nerv der Zeit. Er baute nach der von ihm entwickelten Hannover'schen Schule, eine Variante der Neugotik. Dieser Baustil zeigte Wahrheit in der Kunst und war sehr repräsentativ. Etwa 100 Kirchen hat Hase in diesem Stil erbaut, so die Christuskirche und die Apostelkirche in Hannover, aber auch Bahnhöfe wie in Lehrte, Celle, Wunstorf und auch das Schloss Marienburg. Der Kirchenneubau kostete 25.000 Mark und als sparsamer Baumeister verwendete Hase alte Teile der Kirche, wie zum Beispiel beim Sockel der Kirche, der aus Bruchsteinquardern der alten Kirche besteht. Man sieht: auch schon damals gab es Recycling.

Klar gegliedert ist die Kirche in Turm, Kirchenschiff, Chor und die Sakristei. Die Gliederung ist sehr harmonisch. An der Westseite schiebt sich der Turm in das einfache mit Tonziegeln belegte Satteldach des Schiffes. Die Ostseite wird geprägt von dem sechseckigen, fast halbkreisförmigen Chorraum. Der kleine Höhenunterschied zwischen Chor und Schiff zeigt die deutliche Trennung der Räume und die an der Südseite angesetzte Sakristei bildet die Verbindung zwischen beiden Gebäudeteilen. Die Mittelachse der Sakristei bildet eine Flucht mit der Trennlinie zwischen Chor und Kirchenschiff. Die Trennung sehen wir auch im Inneren der Sakristei. Der rechte Teil für den Pastor führt in den Chorraum und der linke Teil ist der Durchgang für die Gläubigen in das Kirchenschiff. Hier in der Kirche kann man gut den Baustil Hases erkennen. Seine Grundsätze von Wahrheit und Echtheit in Material und Form sind hier dargestellt. Sichtbare Ziegelsteinkonstruktionen sind Hauptaugenmerk, sowie der dominierende Spitzbogen im Übergang zwischen Chor und Kirchenschiff stellen klar die statische Konstruktion dar und werden gleichzeitig als gestalterisches Mittel benutzt. Es gibt keinen Prunk oder Protz in dieser Kirche, sondern schlichte Materialhaftigkeit. Alle Bauteile sind klar erkennbar. Ausnahme sind die verputzten Wände, die Hase für Wandmalereien vorsah – und Putz ist nun einmal ein idealer Untergrund für Zeichnungen und Malereien. Die Holzdecke des Schiffes ist weder verputzt noch kaschiert. Die Zugstäbe, die die Lasten der Dachkonstruktion halten, sind sichtbar unter der Decke gespannt. Scherzhaft wurde die Holzdecke wegen ihrer Form häufig als "Sarg" bezeichnet, aber sie passt in dieses Gebäude und harmoniert mit den übrigen Materialien. Roter Ziegelstein, natursteinfarbene Bodenfliesen und viel Holz in der Innenausstattung lassen die Kirche warm und freundlich erscheinen. Die handwerklich schön gestaltete Holzempore, die seitlich am Chorraum angesetzte Kanzel und die bunten Glasfenster geben einen prächtigen, aber nicht protzigen Gesamteindruck. Die Kanzel ist bewusst an die Seite gesetzt, denn Hase wollte den Altar als Mittelpunkt in die Kirche setzen. Er symbolisiert für ihn den Gedanken an Gott. Wer das Altarbild gemalt hat ist leider unbekannt. Forstmeister von Hagen, Jagdpächter in Dedensen Anfang des letzten Jahrhunderts, beschäftigte sich in seiner Freizeit mit der Kunstmalerei. Er hat das Altarbild dem damaligen Pastor Heede überbracht. Der gekreuzigte Christus hat den Tod besiegt, sichtbar an dem Totenkopf unterhalb des Kreuzes. Der Lichtschein in der Dornenkrone und der Lichtstrahl auf die Stadt Jerusalem, rechts neben dem Kreuz, symbolisieren die Auferstehung am Ostertag. Rechts und links neben dem Kreuzigungsbild sehen sie die Symbole für Brot und Wein, nämlich Ähren und Trauben.

In den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es eine totale Abkehr von warmen und schmückenden Räumen. Sachlich, klar und nüchtern sollte alles sein. Man überstrich alle sichtbaren Teile der Kirche mit grauer Farbe – außer dem Fußboden – und die Backsteine mit rotbrauner Farbe. Sogar der Altar musste diese Farbe annehmen. Ausnahme war das Altarbild und die Innenflächen des Altarseitenflügels. Man wollte sich von allem Alten demonstrativ lossagen. Viele schöne Bemalungen der Holzeinrichtung und der Wände gingen damit verloren. Sogar der Musikgeschmack war verändert. Die Pfeifen einiger Register der Orgel wurden gekürzt, so dass die Orgel nun einen Barockklang hatte. Ende der 70er Jahre begann man im hannoverschen Raum die Kirchen zu restaurieren und so versuchte man auch in Dedensen die Kirche wieder in ihren Originalzustand zurück zu versetzen. In mühevoller Handarbeit wurden die Farbschichten wieder entfernt. Was der väterliche Malermeister mit Lack überzog, durfte nun der Sohn wieder penibel entfernen und aufarbeiten.

Besondere Prunkstücke der Dedensen Hase-Kirche sind jedoch die Glasfenster. Im Stil der Gotik sind diese Spitzfenster von dem hannoverschen Glasmaler Henning Andres entworfen und kosteten mit Entwurf, Herstellung und Einbau 544 Mark. Der Zahn der Zeit forderte auch hier seinen Tribut und so mussten 1998 die Fenster für 20.000 Mark restauriert werden. Nun erstrahlen sie wieder im neuen alten Glanz. Man entdeckte bei der Renovierung geschnitzte Holzfiguren aus der alten Kirche und entschied sich diese zu restaurieren und in die neue Kirche zu integrieren. Die alte Abendmahlsgruppe wurde auf den Altar gesetzt und die vier Evangelisten, die sehr aufwendig restauriert werden mussten, fanden ihren Platz an der Wand über dem alten Taufbecken. Von rechts nach links sind das: Matthäus, dargestellt mit Mensch und Schwert, Lukas, dargestellt mit Stier und Buchrolle, Markus, dargestellt mit dem geflügelten Löwen, Johannes, dargestellt mit dem Adler. Daneben die Marterengel: der Erste trägt das Holz des Kreuzes; der Zweite die Nägel für Hände und Füße und der Dritte die Geißel für die Folterung.

Unter der Kanzel steht die Mosesfigur. Sie trug die Kanzel in der alten Kirche und zu dieser Figur gibt es auch eine kleine Geschichte: Die Figur sollte eigentlich auf den Sperrmüll. Ein junges Paar fand dieses Vorhaben aber so abwegig, dass es die Figur kurzerhand mit nach Hause nahm und ihren nun Josef genannten Mose wegen der Holzwurmgefahr im Hausflur aufstellte. Später sah Pastor Küster die Figur bei einem Besuch und klärte die jungen Leute über ihren Josef auf. Die beiden jungen Leute entschlossen sich, die Figur der Kirchengemeinde zurückzugeben, und so ziert nun ein restaurierter Mose die Kanzel in der Kirche – Sinnbild dafür, dass die Verkündigung des Evangeliums auf der Grundlage des Alten Testaments ruht.

Die Balkenköpfe an der Empore waren ursprünglich ohne Schmuck; heute zieren sie Engelköpfe aus der alten Kirche. Konsistorialrat Hase wäre sicher nicht dafür gewesen die alten Stücke bei der Renovierung in die Kirche aufzunehmen, denn er sah die Kirche als Gesamtkunstwerk und entschied selbst über das Aussehen des Ofens, der vorne links neben dem Taufbecken stand. Auch die Leuchter entstanden unter seiner Regie. Dennoch fand man bei der Renovierung, dass die alten Kunstwerke sehr gut in die Kirche passen und man somit auch das Vermächtnis der Vorfahren bewahren konnte.